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Schicht um Schicht im Licht

Einige fotografische Werkgruppen der Künstlerin Alexandra Hinz-Wladyka

 

Prof. Dr. Rolf Sachsse

Essay, Katalog - Alexandra Hinz-Wladyka, Bonn 2026 

 

Die letzten malerischen Arbeiten von Alexandra Hinz-Wladyka, bevor sie sich endgültig der Fotografie zuwandte, wurden mit dem Verfahren der Enkaustik erstellt: Hier werden Lage um Lage erhitzter Wachs-Partikel auf den Malgrund aufgetragen, jedes Element kaum größer als ein Wachstropfen. Es entsteht ein Relief aus malerischen Ereignissen, das je nach Betrachtung von der Seite als zerklüftete Höhung oder von vorn als fein differenziertes Spiel mit Licht und Schatten erscheint. Dieses Spiel ist aber auch die ureigene Domäne der Fotografie, und so erscheint es nur folgerichtig, dass sich die Künstlerin inzwischen voll und ganz diesem Medium widmet. Auch die Konzentration auf schwarzweißgraue Drucke ist in der Malerei angelegt; die Bildergebnisse sind hervorragend ausgearbeitete Digital Direct Prints auf speziell ausgesuchtem Papier. Alexandra Hinz-Wladyka hatte ihre enkaustischen Werke mit einer reduzierten Farbigkeit zwischen sandweiß und braun angelegt, jetzt sind es zumeist harte Kontraste zwischen Licht und Schatten in weiß und schwarz. Nur eine Serie auf der Website der Künstlerin ist farbig und referiert in dieser Farbigkeit teilweise die frühere Malerei.

 

Sieben Werkgruppen versammelt dieses Buch, alle sind unmittelbar mit der Lebenswelt von Alexandra Hinz-Wladyka verbunden. Seien es die unscharfen Frauenfiguren in den Blurred Moments, die als Partikel der Erinnerung aufscheinen; seien es die polnischen und deutschen Industriebauten, die das Capital einer Kindheit wie eines Lebens in deren Umfeld als Monument erscheinen lassen. Die Papiermodelle in Day House – Night House evozieren Vorstellungen einer Modellwelt, die ebenso heil wie brüchig erscheint, während die Lichtstreifen in den Bildern der Vakant-Serie das Verschwinden des Erinnerns in eine Leere, in das englisch so benannte void markieren, das ein wichtiges Stilmittel gerade des polnischen Theaters war und ist. Die Steine und Schichtungen von mehrfachen Belichtungen in Sealed Time verweisen wieder auf die malerischen Ursprünge von Alexandra Hinz-Wladykas fotografischer Arbeit zurück, während sie in Malpais durch die ausgelegten Fäden nicht nur auf die unwirtliche Vulkanlandschaft aufmerksam macht, sondern auch den Perspektivkorrekturen früher Konzeptfotografie etwa bei Ger Dekkers oder Jan Dibbets eine Referenz erweist. Die Scratch Views wiederum zeigen spielerisch die Grenzen eines Durchblicks auf, auch metaphorisch – und wie ihre Kollegin Dominique Auerbacher muss Alexandra Hinz-Wladyka inzwischen die Historisierung ihres Konzepts erleben, denn die neuen Fensterscheiben von Trambahnen sind gegen Scratcher geschützt, diese Bilder gibt es nicht mehr. 

 

Fotografie ist Komposition, eben Schreiben mit Licht, und Alexandra Hinz-Wladyka lebt mit ihrer schwarzweißen Arbeit besonderen Wert auf eine effektvolle Beleuchtung. Vom klassischen Chiaroscuro der Blurred Moments wird der Kontrast bis zur Serie Vacant gesteigert, in der ganze Partien der Bildfläche in beinahe tiefem Schwarz erscheinen. Das Gegenteil findet in Sealed Time statt, wo sich die Schichtungen ins immer lichtere Hell bewegen und selbst der schwere Stein zunehmend durchsichtig erscheint. Das Licht in Day House – Night House kommt wie aus einer Luke im Dachfenster eines staubigen Firstbodens, gerichtet und doch gedämpft. Malpais und Capital sind diffus beleuchtete Landschaften und Architekturen mit voller Detailzeichnung, während die Scratch Views aus dem Schutzraum einer nächtlichen Trambahn- oder Busfahrt gesehen sind, oft noch mit angedeutetem Rahmen eines Fensters. Gekonnt werden in allen Serien die Grundlagen des Abbildens mit und im Licht durchdekliniert, ohne dass dies bei der Betrachtung eines einzelnen Bildes eine Rolle zu spielen hat. Alexandra Hinz-Wladyka arbeitet also nicht einfach im Medium Fotografie, sondern sie thematisiert es selbst als künstlerisches Mittel zur Produktion von Bildern, Kunstwerken.

 

Ein Element der Bildgestaltung durchzieht fast das gesamte Œuvre der Künstlerin, hier nur mit Ausnahme der Bilder aus Sealed Time: Jedes Bild hat im unteren Fünftel bis Viertel eine eigene Basis, die sich durchaus von der übrigen Darstellung absetzt. Das Verfahren ist unter anderem von Paul Cézanne in die Malerei eingeführt worden, der damit jedes Bild zur Fläche mit Farbe erklärt hat, lange vor jeder inhaltlichen Bestimmung. Die Vordergrund-Gestaltung hatte er vom faux terrain der Panoramenmalerei übernommen, jenen dreidimensionalen Untergründen, die nahtlos in das gemalte Bild übergehen sollten. Die Panoramen sind als eines der Ursprungs-Medien der Fotografie diskutiert worden, und von dort kommt Alexandra Hinz-Wladyka einmal mehr in ihr gestalterisches Repertoire hinein: Die Bilder der Serie Capital entwickeln die Industrielandschaften über ein Arrangement von Seidenstoffen hinweg, sowohl bei den Blurred Moments als auch in den Bildern des Day House – Night House geistern abstrakte Bildelemente durch den Untergrund. Die Licht- und Schattenspiele von Vacant finden auf einem Untergrund statt, der wie ein Theaterboden wirkt und sich ebenfalls vom übrigen Bildraum absetzt. Sogar die Fäden des Malpais muten an wie Vordergrund-Figuren, greifen real kaum in die Tiefe der Landschaft ein, selbst wenn sie so wirken. Die Künstlerin definiert hier also immer den fotografischen Druck als Bild, dessen Fläche vor der Tiefenwirkung steht – und sie dadurch noch überhöht.

 

Alexandra Hinz-Wladyka ist eine überaus wache Beobachterin der zeitgenössischen Kunstszene und hat viele Erfahrungen aus der Kunst- wie der Fotografiegeschichte in ihre Konzeptionen und Arbeitsformen übernommen; alle ihre Werkgruppen sind durch und durch reflektiert. Ihre Entscheidung für ein Œuvre aus wenigen Elementen – die meisten Bilder sind quadratisch und in kräftigem Schwarzweißgrau als perfekte Drucke ausgeführt – lädt zu intensiver und langsamer Betrachtung ein. Jedes Bild trägt für sich einen Kosmos an Bedeutungen, der sich durch aktives Sehen erschließen lässt. Die vorliegende Auswahl ist dabei eine Zwischenbilanz, die die Künstlerin selbst gezogen hat, ein Innehalten auf dem Weg, der sie noch weiter führen wird.

 


Nähe und Distanz

 

Dr. habil. Damian Pietrek, Prof. der Kunstakademie in Katowice

Essay, Katalog - Alexandra Hinz-Wladyka, Katowice 2026

 

Die Person der Künstlerin und ihr Schaffen kenne ich seit vielen Jahren, noch aus der Zeit ihrer Tätigkeit als Malerin. Praktisch seit Beginn unserer Zusammenarbeit mit dem Künstlerkreis um den BBK Bonn-Rhein-Sieg Verband (unserer, d. h. der Verband Polnischer Bildender Künstler, Katowice). Die Künstlerin stammt aus Danzig, einer Stadt, die sowohl für die polnische als auch für die deutsche Geschichte von großer Bedeutung ist, was an sich schon sehr symbolisch ist. Wir haben das Privileg, in einer Zeit zu leben, in der wir als Partner eine gemeinsame Wirklichkeit aufbauen – ein vereintes Europa. Wir bemühen uns, einander immer besser zu verstehen, inspirieren uns gegenseitig und lernen voneinander. Die Realität, in der wir leben, wird jedoch immer komplexer und die Veränderungen dynamischer. In den letzten zehn Jahren hat uns die Covid-19-Pandemie getroffen, wir haben sie noch nicht verarbeitet, und in unserer Nachbarschaft brechen weitere bewaffnete Konflikte aus (Ukraine, Gazastreifen), deren Ausmaß seit dem Zweiten Weltkrieg beispiellos ist. Bisherige Verbündete verhalten sich, als wären sie Feinde. Es geschieht viel Böses, dem wir wenig entgegensetzen können. Die Nachrichten verstärken diese Tatsache nur noch, eine Realität voller Tragödien und Aggressionen zu verbreiten. Dennoch gibt es in der Welt Werte, auch wenn sie eher verborgen sind. Für viele mag dies die Verbundenheit mit der Natur sein, die wir noch nicht vollständig zerstört haben. Es ist auch oder insbesondere die Kultur, die das Wesentliche des Menschseins in uns zum Vorschein bringt. Die Rolle der Kunst ist enorm, wie Gerhard Richter sehr treffend formuliert hat, der sie nicht nur als Ästhetik, sondern als grundlegendes menschliches Bedürfnis betrachtet, ähnlich einem spirituellen Gefühl, das uns Sinnhaftigkeit vermittelt. 

 

Obwohl sich die Künstlerin seit über einem Jahrzehnt durch das Medium der Fotografie ausdrückt, sehe ich eine gewisse Analogie zu ihren malerischen Aktivitäten. Natürlich ist die Ausdrucksweise in der Fotografie eine andere (sie kann eine andere sein) als die Ausdrucksweise in der Malerei. Obwohl Alexandras Fotografien im Gegensatz zu ihren Gemälden monochromatisch sind, empfinde ich ihr Werk als einen zusammenhängenden Monolithen. Sie zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Sensibilität aus, meiner Meinung nach auch durch eine sehr malerische Herangehensweise an ihr bevorzugtes Medium. Aleksandras Fotografien sind lyrisch, voller Stimmung und spürbarer persönlicher Erfahrungen. Ich bemerke die Sorgfalt in der Komposition, die die Autorin eher abstrakt behandelt, wobei sie oft ein konkretes Thema mit einem ebenso wichtigen Element der Untertreibung verwebt und so dem Betrachter viel Raum für Interpretationen lässt. Um Alexandra zu zitieren: „… Ich untersuche die komplexe Wechselwirkung zwischen Fotografie und Malerei und verstehe die Geschichte beider Medien als eine kontinuierliche Dynamik gegenseitiger Beeinflussung und Impulse, die sich auf den subjektiven Ausdruck von Gefühlen, Stimmungen und persönlichen Erfahrungen konzentrieren …”. Die Künstlerin nutzt verschiedene fotografische Verfahren: Unschärfe, Wiederholungen, unterschiedliche Belichtungszeiten und kombiniert analoge mit digitalen Techniken. Das Experimentieren ist der wichtigste Bestandteil ihres Schaffensprozesses. Sie dekonstruiert die Realität, um innere Widersprüche und Kontraste noch stärker hervorzuheben und gleichzeitig auf die Vielzahl möglicher Interpretationen hinzuweisen.

 


Alexandra Hinz-Wladyka | From the Series : Blurred Moments II | Fine Art Print


Auszug aus der Eröffnungsrede von Stefan Zajonz, zur Ausstellung in der Galerie Artspace K2 in Remagen, 2017

 

"Das fotografische Bild, dessen allgegenwärtige Präsenz auf unsere Lebensinhalte Einfluss nimmt, ist mit allen seinen Aspekten und komplexen Wiedersprühen ein Medium, das im Vergleich zu den anderen künstlerischen Ausdrucksformen ein offenes Zukunftspotenzial hat. Alexandra Hinz-Wladyka fotografisches Artwork ist keinesfalls nur eine gewöhnliche s/w Bildersammlung, es ist viel mehr ein breitgefächertes und zusammenhängendes Kompositionswerk. Ihre abstrakten und auch gegenständlichen Arrangements können direkt von der Malerei - in einem performativen Raum - abgeleitet werden. Die Künstlerin erkundet das Verhältnis zwischen Form und Inhalt. Sie spiegelt die ureigene, persönliche Sicht, nicht nur um die konzeptionelle Welt zu beschreiben, sondern um sie zu begreifen, zu deuten und in Frage zu stellen. Schaut man genauer auf das Oeuvre der Fotografin hin, erkennt man bald, es handelt sich um harmonische Koexistenz(en), um Formen und Strukturen, die in unmittelbarer Umgebung und draußen in der Natur zu finden sind. Jedes Fragment, das sie im Objektiv anvisiert hat, wird aus der Anonymität seines Umfelds herausgeommen und zum Individuum, zum Einzelstück in einer Echtzeit erhoben. Die besten Momente transzendieren diesen Augenblick und stellen somit emotionale Bezüge her. In ihnen pulsiert nachspürbar das Leben und der Kosmos in der Fülle des Seins. Die Wirkung von Eiskristallen, Perlentau, Seemuscheln, Gras und gespiegelten Bäumen zur Winterzeit bleibt konstant subtil, elementar und eine fortwährende Herausforderung. In jeder Fotografie ist Zeitlosigkeit zu erahnen. Ihr Werk beschäftigt sich mit der Möglichkeit ein wandelbares und sinnliches Modell für das Universale zu sein, und innerhalb dieser Konstellation sind die Bilder austauschbar. Die Auswahl veranschaulicht zudem im Smartformat das fotografische Bild als Metapher für Orte, Erinnerungen und Zitate, wo Interpretation möglich wird, wenn der Verstand versagt. Alexandra Hinz-Wladyka Fotografie konfrontiert den Betrachter mit dem Bereich des Schauens und Ahnens, einer Fähigkeit die das Denken übertreffen. Diese Vorgehensweise ist charakteristisch für eine Bewegung des Endlichen in das Unendliche, des Anwesenden in das sich Entziehende, des Greifens und des Tappens, der Nähe und Distanz. Dem Betrachter wird in konsequenter Weise eine typologisch-visuelle Grammatik an die Hand gegeben, wo es darauf ankommt, Teil des existentiell wichtigen Augenblicks zu sein."

 


Alexandra Hinz-Wladyka | From the Series: Salty Sand | Fine Art Print

 


 

Auszug aus der Eröffnungsrede von Beatrice Fermor, zur Ausstellung im Künstlerforum Remagen, 2016


„Die Fotoserien  der Künstlerin Alexandra Hinz-Wladyka tragen den Titel „instant freezing“ und „glacier visit“. Sie nehmen den Betrachter mit in monochrome, ruhige Welten von meditativer, karger Schönheit. Diese Schwarz-Weiß Fotografien führen in verborgene Eis- und Gletscherlandschaften. Dabei ist von der ursprünglichen Gestalt dieser Landschaften kaum etwas wahrnehmbar. Es geht der Fotografin um etwas in, unter, hinter dem Vorfindlichen. Ihr Arbeiten ist ein paradoxes: Sie ist im Sichtbaren dem Unsichtbaren auf der Spur. Dem Betrachter werden die Augen geöffnet für die Schönheit verborgener, bisher ungesehener Strukturen und einem diesen Strukturen innewohnenden Geheimnis.

Ich empfinde die Künstlerin in diesem Sinn als Mystagogin, als eine, die in das Geheimnis führt.

Die Motive, die sie wählt, sind dabei auf eine bestimmte Weise sekundär. Sind oftmals Ausschnitte, tragen Leerstellen in sich und erlauben keine Rückschlüsse auf das, was das Objekt ursprünglich ist. Der Fokus der Künstlerin geht durch das Objekt hindurch, als suche er nach etwas, das hinter dem Objekt aufscheint. Strukturen werden sichtbar, die Gefühle von Unendlichkeit assoziieren - weite ruhige Wasserflächen, regelmäßige, rissige Strukturen verweisen auf etwas, das Raum und Zeit transzendiert.“

 

 

 

Alexandra Hinz-Wladyka | From the Series: Glacier Visit | Fine Art Print


Auszug aus der Eröffnungsrede von Christina zu Mecklenburg, Kunstjournalistin,

zur Ausstellung „lang genug“, Theatergemeinde Bonn 2015

 

„Von jeher bildet der Sektor Literatur, insbesondere Lyrik, die Impulsquelle der Werke von Alexandra Hinz-Wladyka. Ihre dichten, durchgearbeiteten, vielfach versponnenen oder dramatisierten Leinwand-Kompositionen loten Texte von Ingeborg Bachmann, Sylvia Plath oder Olga Tokarczuk  aus. Parallel in Sicht geraten Materialbilder, die aus den behutsam geschichteten, versiert verflochtenen Materialien: Wachs, Pigmente, Asphalt, Graphit oder Tusche hervorgehen. Diese dezent farbigen Bildräume könnte man als Gedankenbilder oder Denkräume bezeichnen. Diese Denkräume sind gespickt mit Chiffren, Umrissen, geometrischen Formeln, Menetekeln, mit halbwegs leserlichen und kaum identifizierbaren Notizen, mit Signalen, brüchigen Linien, Gravuren, Tätowierungen oder mit collagenhaften Elementen, wie etwa mit Wachs versiegelte Schnüre.

 

Semantische und graphologische Lyrikexegesen, mythologische Spurensuchen (Ariadne Faden, Labyrinth) verzahnen sich punktuell mit sublimierten Reflexionen zum persönlichen Dasein. Schiefergrau, bleigrau, grauweiß, aschgrau, perlgrau, staubgrau, erdig, bronzefarben, rostig, matt, petrolfarben, schattig, verschattet, Grünspan-Beläge, Oxydationsspuren, überhaupt eine morbide oder aufgeraute Oberflächenpatina sowie ein archaisches Bildklima schüren mitunter Assoziationen an Beuys Schüler, Anselm Kiefer, an Emil Schumacher oder Fritz Winter.

 

Gar nicht so selten verbirgt sich hinter den Materialcollagen schlichtweg ein schöpferisch fantasievolles Durchtesten von Kompositionswegen, ein Denken im und mit dem Material, ein Tasten nach Energien, Strukturen und Kraftfeldern und damit ein Investieren in die Assoziations- und Suggestionskraft der jeweiligen Studie.“

 

Foto: Alexandra Hinz-Wladyka

Alexandra Hinz-Wladyka | Sein - gespiegelt im Labyrinth | mixed meida on canvas


Auszug aus der Eröffnungsrede von Christina zu Mecklenburg, Kunstjournalistin, zur Ausstellung „Visual Poetry-lang genug“

Künstlerforum Gärtnerhaus, Bonn 2014

 

„Malerei und Grafik sind die Primärdomänen von Alexandra Hinz-Wladyka, neuerlich aufgestockt durch digitale Schwarzweiß-Fotografie und Fotopintura. Kennzeichnend sind der experimentelle Einsatz von Wachs, Asphalt, Graphit, Tusche, Acryl, Firnes, unübliche Spielarten der Enkaustik Technik, sowie hinterfragende Auseinandersetzungen mit etwa Mythenstoffen, biblischen Topoi, stillen Signalen des Alltags, heimlichen Abbreviaturen der Natur, mit dem Schlüsselmotiv des Ephemeren und mit insgesamt geschichtlichen, ontologischen, anthropologischen Themenbereichen. Kompositorisches Anregungsmaterial liefern auch gelesene Texte, private Lektüren.“

Alexandra Hinz-Wladyka | From the Series:  Scratch Views I | Fine Art Print

 


Auszug aus der Eröffnungsrede von Katarzyna Rogacka-Michels, Kunsthistorikerin, zur Ausstellung „Geschichten eines Baumes“

Fabrik der Künste, Hamburg 2010

 

„Das Werk von Alexandra Hinz-Wladyka erkennt man an der spezifischen Struktur, den fast reliefartigen Gebilden in einer charakteristischen Farbgebung. Den Haupttenor ihrer Arbeiten bestimmten existenzielle Themen und Gedanken: Vergangenheit, Mystik, Symbolik. Mit Vorliebe verwendet sie archaische und symbolische Formen, wie Kreis, Kreis mit Punkt, die homo bulla = die Seifenblase (Symbol für die Vergänglichkeit), Spirale, Kreuz, Labyrinth oder auch die Schrift. Die Grundlage ihrer Bilder schaffen Materialien wie Wachs, Sand und Teer. Außerdem integriert sie Fotografien, Fäden und andere Stoffe.

 

Teer und Wachs bestimmen die malerische Arbeitsweise. Der Teer und das Wachs werden flüssig aufgetragen, mit Pigmenten, Sand oder anderen Stoffen gemischt und schaffen die Grundlage. Wie in einem bildhauerischen Prozess zerstört rudimentär die Künstlerin die glatte Oberfläche. Sie zerkratzt sie, beschlägt sie und ritzt in sie ein, um an den Kern der Malfläche heran zu kommen. Die Spuren des Einritzens sollen sichtbar bleiben. Es ist eindeutig ein zerstörerischer Akt, wodurch eine besondere Dynamik entsteht. In diesem Vorgang, in der Abtragung der einzelnen Schichten, entwickelt sich die charakteristische Farbigkeit der Bilder.

 

Was mich besonders beeindruckt, ist die enge Verknüpfung zwischen der Arbeitsweise, die physische Vergänglichkeit des Materials und der Themen, die Alexandra beschäftigen. All das stellt eine bemerkenswerte inhaltliche und formelle Konsequenz dar.“

Alexandra Hinz-Wladyka | Geschichten eines Baumes | Fabrik der Künste Hamburg

 


Marion Bertram, Kunstwissenschaftlerin, zur Ausstellung “Wie lange dauert die Ewigkeit”, Günter Grass Stiftung

Kulturhaus Stadtwaage, Bremen 2007

 

„In ihren Werken beschäftigt sich die Künstlerin mit existentiellen Fragen, die sie in Themen wie Liebe, Begegnung und Trennung, Werden und Vergehen, Zeit und Ewigkeit bearbeitet und mit starken Symbolen gestaltet.

 

Die Malerin arbeitet mit so unterschiedlichen Materialien wie Acrylfarben, Blei, Wachs, Ölkreiden und Lack auf verschiedenen Malgründen wie Sand, Asphalt, auf Leinwand und Papier und auch handgeschöpftem Papier. Bei der Bildbetrachtung begegnen wir Materialien, deren Stofflichkeit, deren körperliche Erfahrung mit unserem affektiven Gedächtnis korrespondiert. Wir tasten mit den Augen, haben eine Ahnung oder wissen vielleicht, wie es sich anfühlt, mit welcher physischen Kraft diese Farben auf die Fläche gebracht und ausgebreitet werden, mit welcher Motorik und Atemrhythmus die Gestaltung der Fläche gerade bei großen Formaten vor sich geht. Dabei die Sprache des Materials wahrzunehmen, gehört wesentlich zum künstlerischen Akt. Machen, schauen, denken, machen – und darauf gefasst sein, dass die Form einem entgegen kommt, dass sich aus dem Material eine Figur, eine Struktur, eine optische Situation herausschält, sich zeigt, die man unbewusst, innerlich gesucht hat.

 

Die Künstlerin verdichtet die Materie ihrer Bilder, mischt Sand und andere Materialien in die Acrylfarbe, um raue, mauerartige Strukturen zu gewinnen, in die sie ein bestimmtes Repertoire von Zeichen und Textfragmenten hineinkratzt, hineinritzt und ausgesuchte Materialien wie Stoffe, Papiere, präparierte Farbpigmente hineinkollagiert. Sie arbeitet mit Zeichen und Kürzeln wie Spirale, Kreis, Labyrinth, Kreuz. Es sind kulturelle Universalzeichen, gleichsam Archetypen, die in fast allen Kulturen vorkommen, die auch esoterisch-magische Chiffren assoziieren lassen, oder als Erinnerungen an die Kindheit präsent sind.

 

Sie bearbeitet ihre Bildkompositionen mit Linien, Rissen, Furchen in mehreren Schichten und kratzt mit groben Werkzeugen Inschriften und ungelenke, manchmal puppenhafte Figuren, wie man sie auf alten Häuserfassaden entdecken kann. Sie begibt sich auf eine Spur, die zwar durch das jeweilige Bild im Herstellen von Bezügen angedeutet wird, aber auch im Betrachter selbst einen Ausgangspunkt hat.

 

Ihre Kunst steht in der Tradition des Informel mit Künstlern wie Jean Dubuffet, dem Spanier Antonio Tàpies, sowie dem Amerikaner Jasper Jones oder dem deutschen Maler Anselm Kiefer. Doch die Malerin erweitert den angesprochenen Formenkanon mit erzählerischen, illustrativen Momenten und poetischen Formulierungen. Zum pastosen Farbauftrag kommt die Erprobung mineralischer oder transparenter Materialien, wie Wachs und Lack, welche die haptische Qualität ihrer Arbeiten verstärkt.

 

In mancher Hinsicht kann man hier von einem Künstleratelier als eine Alchemistenküche sprechen. Mit Wachs zu malen ist eine alte Enkaustiktechnik. Wachs ist ein sehr altes bekanntes Konservierungsmittel, ich glaube schon seit der Antike. Es gewährt Dauer und ist zeitresistent – Totenmasken werden aus Wachs gefertigt – und es ist transparent. Eine dicke Schicht, die doch lichtdurchlässig ist. Asphalt als erste Farbschicht auftragen bedeutet für die Künstlerin, dass sich diese Schicht auch durch weiteren Farbauftrag anlöst und auf die verschiedenen Materialien, wie Ölfarben, Ölkreiden reagiert. Zum Abschluss erhalten die Bilder eine Lackschicht, das ist eine transparente Schicht, die die Oberfläche bei aller Aufgerissenheit zusammenbindet, überzieht, zusammenhält, schützt, vielleicht beruhigt.

 

In den Materialtableaus, die sich auszeichnen durch ihre einerseits materiale Kompaktheit und gleichzeitig große Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit andeuten, tritt neben den erzählerischen Elementen eine große haptische Qualität hervor. Dann sind die Arbeiten eher Bildobjekte als herkömmliche Malerei.

 

Einritzungen, Beschreibungen, Verletzungen, Gravuren wie Tätowierungen – und da kommt mir gleich dieses Phänomen in den Sinn, dass wir heute überall Tätowierungen sehen, dass diese virulent sind, Menschen tätowieren sich seit ein paar Jahren – diese Tätowierungen sind Akte der Selbstvergewisserung. Es ist eine Einschreibung, eine Spurenlegung, die nicht auszulöschen ist, die Gegenwärtigkeit aufzeigt, hier und jetzt. Es bedeutet ein Bedürfnis nach Verortung seiner Selbst – gegen alle Flüchtigkeit, in einer Zeit dramatisch verunsicherter Identitäten. Ich denke, die Dramatik besteht im Nicht -mehr-Haben und doch Sein. Und da fallen mir natürlich so virulente Stichworte wie Flexibilität und Mobilität ein. Wenn alles sich verflüchtigt, wer ist man dann noch, wo ist man dann noch? Zugleich spüren wir in diesen Bildern eine Ambivalenz und die bewusste Uneindeutigkeit zwischen Einschreibung, Markierung, Bezeichnung sowie Zerstörung und Verletzung. Doch lassen sich die Einritzungen noch als Zeichen lesen, die verschlüsselt auf eine versunkene Welt der Erfahrungen und der Erinnerungen der Menschheit deuten.

 

Die von Alexandra Hinz-Wladyka in ihren Bildern formulierten Zeichen sind Teil unserer Zeit und erinnern uns an die nahe und ferne Vergangenheit – an längst versunkene Mythen, und verweisen auf tiefe existentielle Erfahrungen. Sie sind gleichsam modern und archaisch. Einer ihrer Bildtitel lautet “Es beginnt oder endet“. Ich möchte diesen Gedanken aufnehmen, gleichsam die Intention der Künstlerin zusammenfassen und meine Ausführung beenden. Das Ende von etwas ist immer der Anfang von etwas Neuem.“