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Auszug aus der Eröffnungsrede von Stefan Zajonz, zur Ausstellung in der Galerie Artspace K2 in Remagen, 2017

 

 "Das fotografische Bild, dessen allgegenwärtige Präsenz auf unsere Lebensinhalte Einfluss nimmt, ist mit allen seinen Aspekten und komplexen Widersprüchen ein Medium, das im Vergleich zu den anderen künstlerischen Ausdrucksformen ein offenes Zukunftspotential hat. Alexandra Hinz- Wladykas fotografisches Artwork ist keinesfalls nur eine gewöhnliche s/w Bildersammlung, es ist vielmehr ein breitgefächertes und zusammenhängendes Kompositionswerk. Ihre abstrakten und auch gegenständlichen Arrangements können direkt von der Malerei – in einem performativen Raum – abgeleitet werden. Die Künstlerin erkundet das Verhältnis zwischen Form und Inhalt. Sie spiegelt die ureigene, persönliche Sicht, nicht nur um die konzeptionelle Welt zu beschreiben, sondern um sie zu begreifen, zu deuten und infrage zu stellen. Schaut man genauer auf das Œuvre der Fotografin hin, erkennt man bald, es handelt sich um harmonische Koexistenz(en), um Formen und Strukturen, die in unmittelbarer Umgebung und draußen in der Natur zu finden sind. Jedes Fragment, das sie im Objektiv anvisiert hat, wird aus der Anonymität seines Umfelds heraus- genommen und zum Individuum, zum Einzelstück in einer Echtzeit erhoben. Die besten Momente transzendieren diesen Augenblick und stellen somit emotionale Bezüge her. In ihnen pulsiert nachspürbar das Leben und der Kosmos in der Fülle des Seins. Die Wirkung von Eiskristallen, perlendem Tau, Seemuscheln, Gras und gespiegelten Bäumen zur Winterzeit bleibt konstant subtil, elementar und eine fortwährende Herausforderung. In jeder Fotografie ist Zeitlosigkeit zu erahnen. Ihr Werk beschäftigt sich mit der Möglichkeit ein wandelbares und sinnliches Modell für das Universale zu sein, und innerhalb dieser Konstellation sind die Bilder austauschbar. Die Auswahl veranschaulicht zudem im Smartformat das fotografische Bild als Metapher für Orte, Erinnerungen und Zitate, wo Interpretation möglich wird, wenn der Verstand versagt. Alexandra Hinz-Wladykas Fotografie konfrontiert den Betrachter mit dem Bereich des Schauens und Ahnens, einer Fähigkeit, die das Denken übertreffen. Diese Vorgehensweise ist charakteristisch für eine Bewegung des Endlichen in das Unendliche, des Irdischen in das Göttliche, des Anwesenden in das sich Ent- ziehende, des Greifens und Tappens, der Nähe und Distanz. Dem Betrachter wird in konsequenter Weise eine typologisch-visuelle Grammatik an die Hand gegeben, wo es darauf ankommt, Teil des existenziell wichtigen Augenblicks zu sein." (S. Zajonz) 

 

 

 

Fotografie Alexandra Hinz-Wladyka "salty sand"

 

 


 

Auszug aus der Eröffnungsrede von Beatrice Fermor, zur Ausstellung im Künstlerforum Remagen, 2016


„Die Fotoserien  der Künstlerin Alexandra Hinz-Wladyka tragen den Titel „instant freezing“ und „glacier visit“. Sie nehmen den Betrachter mit in monochrome, ruhige Welten von meditativer, karger Schönheit. Diese Schwarz-Weiß Fotografien führen in verborgene Eis- und Gletscherlandschaften. Dabei ist von der ursprünglichen Gestalt dieser Landschaften kaum etwas wahrnehmbar. Es geht der Fotografin um etwas in, unter, hinter dem Vorfindlichen. Ihr Arbeiten ist ein paradoxes: Sie ist im Sichtbaren dem Unsichtbaren auf der Spur. Dem Betrachter werden die Augen geöffnet für die Schönheit verborgener, bisher ungesehener Strukturen und einem diesen Strukturen innewohnenden Geheimnis.

Ich empfinde die Künstlerin in diesem Sinn als Mystagogin, als eine, die in das Geheimnis führt.

Die Motive, die sie wählt, sind dabei auf eine bestimmte Weise sekundär. Sind oftmals Ausschnitte, tragen Leerstellen in sich und erlauben keine Rückschlüsse auf das, was das Objekt ursprünglich ist. Der Fokus der Künstlerin geht durch das Objekt hindurch, als suche er nach etwas, das hinter dem Objekt aufscheint. Strukturen werden sichtbar, die Gefühle von Unendlichkeit assoziieren - weite ruhige Wasserflächen, regelmäßige, rissige Strukturen verweisen auf etwas, das Raum und Zeit transzendiert.“

 

 

 

Fotografie Alexandra Hinz-Wladyka "glacier visit"
Fotografie Alexandra Hinz-Wladyka "glacier visit"

Auszug aus der Eröffnungsrede von Christina zu Mecklenburg, Kunstjournalistin, zur Ausstellung „lang genug“, Theatergemeinde, Bonn 2015

 

„Von jeher bildet der Sektor Literatur, insbesondere Lyrik, die Impulsquelle der Werke von Alexandra Hinz-Wladyka. Ihre dichten, durchgearbeiteten, vielfach versponnenen oder dramatisierten Leinwand-Kompositionen loten Texte von Ingeborg Bachmann, Sylvia Plath oder Olga Tokarczuk  aus. Parallel in Sicht geraten Materialbilder, die aus den behutsam geschichteten, versiert verflochtenen Materialien: Wachs, Pigmente, Asphalt, Graphit oder Tusche hervorgehen. Diese dezent farbigen Bildräume könnte man als Gedankenbilder oder Denkräume bezeichnen. Diese Denkräume sind gespickt mit Chiffren, Umrissen, geometrischen Formeln, Menetekeln, mit halbwegs leserlichen und kaum identifizierbaren Notizen, mit Signalen, brüchigen Linien, Gravuren, Tätowierungen oder mit collagenhaften Elementen, wie etwa mit Wachs versiegelte Schnüre.

 

Semantische und graphologische Lyrikexegesen, mythologische Spurensuchen (Ariadne Faden, Labyrinth) verzahnen sich punktuell mit sublimierten Reflexionen zum persönlichen Dasein. Schiefergrau, bleigrau, grauweiß, aschgrau, perlgrau, staubgrau, erdig, bronzefarben, rostig, matt, petrolfarben, schattig, verschattet, Grünspan-Beläge, Oxydationsspuren, überhaupt eine morbide oder aufgeraute Oberflächenpatina sowie ein archaisches Bildklima schüren mitunter Assoziationen an Beuys Schüler, Anselm Kiefer, an Emil Schumacher oder Fritz Winter.

 

Gar nicht so selten verbirgt sich hinter den Materialcollagen schlichtweg ein schöpferisch fantasievolles Durchtesten von Kompositionswegen, ein Denken im und mit dem Material, ein Tasten nach Energien, Strukturen und Kraftfeldern und damit ein Investieren in die Assoziations- und Suggestionskraft der jeweiligen Studie.“

 

Foto: Alexandra Hinz-Wladyka
Alexandra Hinz-Wladyka "Sein - gespiegelt im Labyrinth", mixed meida

Auszug aus der Eröffnungsrede von Christina zu Mecklenburg, Kunstjournalistin, zur Ausstellung „Visual Poetry-lang genug“, Künstlerforum Gärtnerhaus, Bonn 2014

 

„Malerei und Grafik sind die Primärdomänen von Alexandra Hinz-Wladyka, neuerlich aufgestockt durch digitale Schwarzweiß-Fotografie und Fotopintura. Kennzeichnend sind der experimentelle Einsatz von Wachs, Asphalt, Graphit, Tusche, Acryl, Firnes, unübliche Spielarten der Enkaustik Technik, sowie hinterfragende Auseinandersetzungen mit etwa Mythenstoffen, biblischen Topoi, stillen Signalen des Alltags, heimlichen Abbreviaturen der Natur, mit dem Schlüsselmotiv des Ephemeren und mit insgesamt geschichtlichen, ontologischen, anthropologischen Themenbereichen. Kompositorisches Anregungsmaterial liefern auch gelesene Texte, private Lektüren.“

Fotografie Alexandra Hinz-Wladyka " transcending-space" I


Auszug aus der Eröffnungsrede von Katarzyna Rogacka-Michels, Kunsthistorikerin, zur Ausstellung „Geschichten eines Baumes“, Fabrik der Künste, Hamburg 2010

 

„Das Werk von Alexandra Hinz-Wladyka erkennt man an der spezifischen Struktur, den fast reliefartigen Gebilden in einer charakteristischen Farbgebung. Den Haupttenor ihrer Arbeiten bestimmten existenzielle Themen und Gedanken: Vergangenheit, Mystik, Symbolik. Mit Vorliebe verwendet sie archaische und symbolische Formen, wie Kreis, Kreis mit Punkt, die homo bulla = die Seifenblase (Symbol für die Vergänglichkeit), Spirale, Kreuz, Labyrinth oder auch die Schrift. Die Grundlage ihrer Bilder schaffen Materialien wie Wachs, Sand und Teer. Außerdem integriert sie Fotografien, Fäden und andere Stoffe.

 

Teer und Wachs bestimmen die malerische Arbeitsweise. Der Teer und das Wachs werden flüssig aufgetragen, mit Pigmenten, Sand oder anderen Stoffen gemischt und schaffen die Grundlage. Wie in einem bildhauerischen Prozess zerstört rudimentär die Künstlerin die glatte Oberfläche. Sie zerkratzt sie, beschlägt sie und ritzt in sie ein, um an den Kern der Malfläche heran zu kommen. Die Spuren des Einritzens sollen sichtbar bleiben. Es ist eindeutig ein zerstörerischer Akt, wodurch eine besondere Dynamik entsteht. In diesem Vorgang, in der Abtragung der einzelnen Schichten, entwickelt sich die charakteristische Farbigkeit der Bilder.

 

Was mich besonders beeindruckt, ist die enge Verknüpfung zwischen der Arbeitsweise, die physische Vergänglichkeit des Materials und der Themen, die Alexandra beschäftigen. All das stellt eine bemerkenswerte inhaltliche und formelle Konsequenz dar.“

Alexandra Hinz-Wladyka "Geschichten eines Baumes" Fabrik der Künste Hamburg
Alexandra Hinz-Wladyka "Geschichten eines Baumes" Fabrik der Künste Hamburg

Marion Bertram, Kunstwissenschaftlerin, zur Ausstellung “Wie lange dauert die Ewigkeit”, Günter Grass Stiftung, Kulturhaus Stadtwaage, Bremen 2007

 

„In ihren Werken beschäftigt sich die Künstlerin mit existentiellen Fragen, die sie in Themen wie Liebe, Begegnung und Trennung, Werden und Vergehen, Zeit und Ewigkeit bearbeitet und mit starken Symbolen gestaltet.

 

Die Malerin arbeitet mit so unterschiedlichen Materialien wie Acrylfarben, Blei, Wachs, Ölkreiden und Lack auf verschiedenen Malgründen wie Sand, Asphalt, auf Leinwand und Papier und auch handgeschöpftem Papier. Bei der Bildbetrachtung begegnen wir Materialien, deren Stofflichkeit, deren körperliche Erfahrung mit unserem affektiven Gedächtnis korrespondiert. Wir tasten mit den Augen, haben eine Ahnung oder wissen vielleicht, wie es sich anfühlt, mit welcher physischen Kraft diese Farben auf die Fläche gebracht und ausgebreitet werden, mit welcher Motorik und Atemrhythmus die Gestaltung der Fläche gerade bei großen Formaten vor sich geht. Dabei die Sprache des Materials wahrzunehmen, gehört wesentlich zum künstlerischen Akt. Machen, schauen, denken, machen – und darauf gefasst sein, dass die Form einem entgegen kommt, dass sich aus dem Material eine Figur, eine Struktur, eine optische Situation herausschält, sich zeigt, die man unbewusst, innerlich gesucht hat.

 

Die Künstlerin verdichtet die Materie ihrer Bilder, mischt Sand und andere Materialien in die Acrylfarbe, um raue, mauerartige Strukturen zu gewinnen, in die sie ein bestimmtes Repertoire von Zeichen und Textfragmenten hineinkratzt, hineinritzt und ausgesuchte Materialien wie Stoffe, Papiere, präparierte Farbpigmente hineinkollagiert. Sie arbeitet mit Zeichen und Kürzeln wie Spirale, Kreis, Labyrinth, Kreuz. Es sind kulturelle Universalzeichen, gleichsam Archetypen, die in fast allen Kulturen vorkommen, die auch esoterisch-magische Chiffren assoziieren lassen, oder als Erinnerungen an die Kindheit präsent sind.

 

Sie bearbeitet ihre Bildkompositionen mit Linien, Rissen, Furchen in mehreren Schichten und kratzt mit groben Werkzeugen Inschriften und ungelenke, manchmal puppenhafte Figuren, wie man sie auf alten Häuserfassaden entdecken kann. Sie begibt sich auf eine Spur, die zwar durch das jeweilige Bild im Herstellen von Bezügen angedeutet wird, aber auch im Betrachter selbst einen Ausgangspunkt hat.

 

Ihre Kunst steht in der Tradition des Informel mit Künstlern wie Jean Dubuffet, dem Spanier Antonio Tàpies, sowie dem Amerikaner Jasper Jones oder dem deutschen Maler Anselm Kiefer. Doch die Malerin erweitert den angesprochenen Formenkanon mit erzählerischen, illustrativen Momenten und poetischen Formulierungen. Zum pastosen Farbauftrag kommt die Erprobung mineralischer oder transparenter Materialien, wie Wachs und Lack, welche die haptische Qualität ihrer Arbeiten verstärkt.

 

In mancher Hinsicht kann man hier von einem Künstleratelier als eine Alchemistenküche sprechen. Mit Wachs zu malen ist eine alte Enkaustiktechnik. Wachs ist ein sehr altes bekanntes Konservierungsmittel, ich glaube schon seit der Antike. Es gewährt Dauer und ist zeitresistent – Totenmasken werden aus Wachs gefertigt – und es ist transparent. Eine dicke Schicht, die doch lichtdurchlässig ist. Asphalt als erste Farbschicht auftragen bedeutet für die Künstlerin, dass sich diese Schicht auch durch weiteren Farbauftrag anlöst und auf die verschiedenen Materialien, wie Ölfarben, Ölkreiden reagiert. Zum Abschluss erhalten die Bilder eine Lackschicht, das ist eine transparente Schicht, die die Oberfläche bei aller Aufgerissenheit zusammenbindet, überzieht, zusammenhält, schützt, vielleicht beruhigt.

 

In den Materialtableaus, die sich auszeichnen durch ihre einerseits materiale Kompaktheit und gleichzeitig große Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit andeuten, tritt neben den erzählerischen Elementen eine große haptische Qualität hervor. Dann sind die Arbeiten eher Bildobjekte als herkömmliche Malerei.

 

Einritzungen, Beschreibungen, Verletzungen, Gravuren wie Tätowierungen – und da kommt mir gleich dieses Phänomen in den Sinn, dass wir heute überall Tätowierungen sehen, dass diese virulent sind, Menschen tätowieren sich seit ein paar Jahren – diese Tätowierungen sind Akte der Selbstvergewisserung. Es ist eine Einschreibung, eine Spurenlegung, die nicht auszulöschen ist, die Gegenwärtigkeit aufzeigt, hier und jetzt. Es bedeutet ein Bedürfnis nach Verortung seiner Selbst – gegen alle Flüchtigkeit, in einer Zeit dramatisch verunsicherter Identitäten. Ich denke, die Dramatik besteht im Nicht -mehr-Haben und doch Sein. Und da fallen mir natürlich so virulente Stichworte wie Flexibilität und Mobilität ein. Wenn alles sich verflüchtigt, wer ist man dann noch, wo ist man dann noch? Zugleich spüren wir in diesen Bildern eine Ambivalenz und die bewusste Uneindeutigkeit zwischen Einschreibung, Markierung, Bezeichnung sowie Zerstörung und Verletzung. Doch lassen sich die Einritzungen noch als Zeichen lesen, die verschlüsselt auf eine versunkene Welt der Erfahrungen und der Erinnerungen der Menschheit deuten.

 

Die von Alexandra Hinz-Wladyka in ihren Bildern formulierten Zeichen sind Teil unserer Zeit und erinnern uns an die nahe und ferne Vergangenheit – an längst versunkene Mythen, und verweisen auf tiefe existentielle Erfahrungen. Sie sind gleichsam modern und archaisch. Einer ihrer Bildtitel lautet “Es beginnt oder endet“. Ich möchte diesen Gedanken aufnehmen, gleichsam die Intention der Künstlerin zusammenfassen und meine Ausführung beenden. Das Ende von etwas ist immer der Anfang von etwas Neuem.“